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Das Leben ist grausam - Der Tod einer Band

The Whoracle Tour

In Flames, Borknagar, Night In Gales, Defleshed

Ort: Fraureuth / Ratskeller
Datum: 17.01.1998


Der 17. Januar des Jahres 1998 war ein freundlicher und heller Tag und noch ahnte niemand, was an jenem Abend noch alles passieren sollte, da entschlossen wir uns (Wehrmut, NIKE und ich [Deadleft]), mal in Fraureuth vorbeizuschauen, um uns an den musikalischen Erg├╝ssen von Defleshed, Night In Gales, In Flames und vor allem Borknagar zu laben. Noch waren es ca. zwei Stunden bis zur geplanten Abfarhrt, da teilte mir NIKE mit, da├č er doch Besseres zu tun hat und sagte sein Kommen einfach ab. Sowas kann passieren, vor allem wenn h├Âhere, in diesem Falle wohl gut bebr├╝stete, M├Ąchte ihre Finger im Spiel haben. ├ťbrigens, die Wendung 'seine Finger im Spiel haben' wurde hier in ihrer ganzen ├Ąquivoken und durchaus nicht mi├čzuverstehenden Ganzheit sehr bewu├čt benutzt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber schon drei Eintrittskarten im ber├╝chtigten Chemnitzer Kartenvorverkauf erworben und sah mich nun mit der Tatsache konfrontiert, da├č ich in Fraureuth wohl irgend einen Dummen finden mu├čte, der mir die dritte Karte gegen entsprechende Bezahlung abnimmt.

Nun sa├čen wir also nur zu zweit im 'Panzer', der im ├╝brigen durch einen Defekt an der Lenkung verhindert hatte, da├č wir zu Konzerten zum Jahreswechsel fahren konnten, und erfreuten uns an der Beschleunigung unseres betagten Reisegef├Ąhrten. Nebenbei erfuhr ich dann, da├č selbst zu diesem Zeitpunkt die Lenkung immer noch nicht repariert war. Uns war es dann egal, schlie├člich mu├č man Priort├Ąten setzen: Was ist schon ein gro├čartiges Konzertevent im Vergleich zu unseren j├Ąmmerlichen Leben? Als wir in Fraureuth ankamen, lief der Einla├č schon seit einer halben Stunde, und wir hatten schon Bedenken, ob wir das bewu├čte Ticket noch losschlagen konnten. Also l├Â├čten wir unsere Ticketgutscheine, denn nichts anderes erh├Ąlt man im erw├Ąhnten Chemnitzer Kartenvorverkauf, gegen die 'richtigen' Karten ein und begannen am Eingang nach potentiellen Opfern Ausschau zu halten. Und schon die ersten zwei Passanten sollten unsere Gier nach Geld befriedigen. Unser 'Kunde' erinnerte auf frappierende Weise an CHRISTian, da er neben einem Mystic Circle Longsleeve, auch, wenngleich nicht allzu l├Ącherliche, aber zumindest interessant kontrastierende, wei├če Willow-Turnlatschen an den F├╝├čen trug. Und das ist eben schon immer ein interessantes Detail im sehr eigenst├Ąndigen Outfit von CHRISTian gewesen. Bewu├čtes 'Double' kaufte uns die Karte exakt zu dem Preis ab, den ich in Chemnitz f├╝r den Gutschein hatte hinbl├Ąttern m├╝ssen.

Nach erfolgreichem Gesch├Ąftabschlu├č sind wir dann sofort in den Ratskeller und suchten uns einen Platz an der Wand. Wir brauchten nicht lange warten, da betraten auch schon die Schweden Defleshed die B├╝hne. Und die liesen ersteinmal ein ordentliches Black/Death-Gewitter los, was trotz seiner ganzen Brachialit├Ąt ein durchdachtes und gar nicht mal so schlechtes Riffing erkennen lie├č. Da├č das heutzutage den kritischen Musikkonsumenten aber nicht mehr allzu sehr vom Hocker rei├čt, d├╝rfte hinreichend bekannt sein. Als direkte Konsequenz konnten sich, zumal Defleshed auch noch nicht sehr bekannt sind, bis auf drei(!!) Ausnahmen auch keiner der ca. 600 Besucher erweichen, dieser Band einen gewissen Tribut zu zollen. Um noch mal auf die Gitarrenriffs zur├╝ckzukommen: Die Qualit├Ąt und die Abwechslung in der Gitarrenarbeit konnte man eigentlich nur erahnen, denn die Soundqualit├Ąt war wieder mal Fraureuth-typisch schlecht. Eine gewaltig brummende und verwaschene Soundwalze pr├╝gelte auf die Massen ein und lie├č, und ich hoffe, das ist der passende Euphemismus, das ein oder andere Detail verloren gehen. Nach einer halben Stunde war aber dann auch schon Schlu├č und das Zepter wurde an die heimischen Night In Gales abgegeben. Hier stachen die melodischen und immer mal wieder solistisch agierenden Gitarren aus dem Soundbrei hervor, den Zuh├Ârern war das egal und der Nigh In Gales Frontman schlo├č nach ein knappen Dreiviertelstunde mit den Worten 'La├čt uns diese Trag├Âdie hier beenden.'

Etwas vernebelte Borknagar
Etwas vernebelte Borknagar


Doch alles Leid hatten wir gleich vergessen, denn nun enterten Borknagar die B├╝hne, deren selbstbetiteltes Debut mehr als nur einen Achtungserfolg erreichen konnte. Was nun folgte, lie├č unser Vertrauen in s├Ąchsische Konzertveranstaltungsorte in ihren Grundfesten erschauern. Auf erw├Ąhntem Album der Allstar-Band aus Norwegen war ja als besonderes Schmankerl der ein oder anderen Choral-Vocal-Sequenz etwas Hall hinzugef├╝gt, was im Rahmen der sonst eher heftigen Songstrukturen sehr interessant klang. Der Soundmixer (oder Borknagar selbst) im Ratskeller belegte nun aber ├╝ber den gesamten Auftritt hinweg die Vocals mit einem derart ├╝bertriebenem Hall-Effekt, der die borknagar'sche Darbietung einfach nur ins L├Ącherlich-Groteske zog und uns bewu├čt werden lie├č, da├č nur noch In Flames, die noch nie zu unserem Favoritenkreis gez├Ąhlt hatten, den Abend retten konnten. Sicherlich hatten Borknagar selber dahingehende Instruktionen gegeben und damit ihr Live Performance v├Âllig verhunzt. Das Publikum war, wen wundert's, in fast in komaartige Schlafzust├Ąnde verfallen, was der Borknagar-Shouter mit einem 'Are you dead?' quittierte. Selbst die Konzert-Fotos erreichten nicht das gew├╝nschte Niveau!
Inzwischen war es kurz nach um elf und endlich sollten die Headliner In Flames zum Zuge kommen. Zu unserem Erstaunen konnten die G├Âteborger von der ersten Minute an die Hallenbev├Âlkerung beleben und den Ratskeller in ein Meer von herumwehenden Haaren verwandeln. Und an dieser Stelle mu├č man mal ein In Flames Fan Profil erstellen. Das ist eigentlich schon ein Ding der Unm├Âglichkeit, aber zu den In Flames Fans geh├Âren auch jene, die ganz im Gegensatz zum szene├╝blichen schwarzen Outfit, Addidas-Trainingsjacken, Fishbone T-Shirts und Eastpak-Taschen tragen. Auch der typische Crematory Fan (beleibt, bebrillt, mit dezentem Crematory geschm├╝ckt und wahrschewinlich nichts ├╝ber die 'harten' Erstlingswerke der Band wissend) war anwesend und mischte munter mit. Auch Wehrmut und ich mu├čten zugeben, da├č In Flames im Vergleich zu unserem letzten 'Aufeinandertreffen' beim Gods of Darkness Festival am 29. M├Ąrz des vergangenen Jahres live deutlich zugelegt haben. Insofern waren die Schweden auch der musikalische H├Âhepunkt an diesem Abend. Ihnen gelang ein ├╝berzeugender Spagat zwischen melodischen Riffs und metallischer H├Ąrte, der uneingeschr├Ąnkten Anklang beim Publikum fand. Nach nur einer knappen Stunde verschwanden die Schweden wieder und tauchten auch nicht zur nachdr├╝cklich geforderten Zugabe wieder auf. Nachdem die Menge innerhalb einer halben Stunde einigerma├čen entr├╝stet den Saal verlie├č, gingen auch wir unseres Weges.
Etwas entt├Ąuscht traten wir nach einigen erfolglosen Anla├čversuchen wieder die Heimreise an. Jene verlief so gesehen ereignislos und deshalb schworen wir Rache f├╝r das n├Ąchste Mal und verabschiedeten uns unter Weinkr├Ąmpfen.

Deadleft am 05.06.2005




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