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Mein erstes Mal - Bericht einer Jungfrau*

Party.San Open Air X (1)

Manos, Dark Funeral, Grave, Ensiferum, Misery Index, Vomitory, Hatesphere, Heaven Shall Burn, The Duskfall, Incapacity, Unleashed, Carpathian Forest, Dismember, Zyklon, Pungent Stench, Haemorrhage, Flescrawl, Cryptic Wintermoon, Negator, Endstille, Gorerotted, Sinners Bleed, Purgatory, Disfear, Golem, Suffering Souls

Ort: Bad Berka / Flugplatzwiese
Datum: 12.08.2004 bis 14.08.2004


Von Heavy-Metal-Musikfestivals habe ich bisher nichts gehalten. Oft hat fĂŒr mich schon die Zusammenstellung der Bands zu wenig Anreize geboten. Maximal fĂŒnf interessante Bands konnten in meinen Augen den Aufwand fĂŒr ein Festivalbesuch nicht rechtfertigen. Zudem haben mich auch die zahlreichen Geschichten meines Bruders abgeschreckt. FĂŒr meinen Geschmack ging es in denen viel zu oft um FĂ€kalien und SchlĂ€gereien. Als Wehrmut aber im letzten Jahr vom Party-San-Open-Air zurĂŒckkehrte, konnte ich mit Hilfe seines Berichts und der zahlreichen Fotos ein wenig die Faszination solcher Veranstaltungen nachempfinden.


Freitag, 13. August 2004
Dieses Jahr war es dann aber endlich soweit: Nach mehr als zwanzig Besuchen in den Konzerthallen Deutschlands war die zehnte Auflage des Party-San-Open-Airs meine Festivalpremiere. Wegen eines Aushilfsjobs konnte ich aber leider erst am Freitag in Richtung Bad Berka aufbrechen, den Donnerstag und eine Handvoll Bands am Freitag habe ich also verpasst. Wenigstens konnte ich mein Ziel, noch vor dem Auftritt von Pungent Stench anzukommen, erfĂŒllen. WĂ€hrend die Spanier von Haemorrhage ihren Auftritt absolvierten, bahnte ich mir in der japanischen Reiselimousine meinen Weg bis zum Einlaß. Dort erwartete mich schon Wehrmut, der mich, an den Einweiser vorbei, zum Vönger-Lager lotste. Nach einer spröden BegrĂŒĂŸung und kurzen Höflichkeitsfloskeln baute ich kurzerhand Wehrmuts Zelt ab, um es durch das meinige zu ersetzen. Denn auch wenn ich mich auf die eine oder andere Entbehrung eingestellt hatte, im Auto oder in Wehrmuts regenuntauglichen Zelt wollte ich nicht schlafen. Kurz nach Vollendung meines Werkes machte ich mich in Begleitung von Wehrmut - mit kurzen Abstechern bei der Kasse und dem VIP-Container - auf den Weg zur BĂŒhne. Als wir dort ankamen, lagen Pungent Stench mit ihrer Show schon in den letzten ZĂŒgen. Klarer Fall von falschem Zeitmanagement, das Zelt hĂ€tten wir auch spĂ€ter noch aufbauen können. Unter Verweis auf meine JungfrĂ€ulichkeit was Festivals betrifft, schob ich die Schuld auf Wehrmut und tröstete mich mit dem Anblick von Martin Schirenc, der andeutungsweise mit seiner Gitarre kopulierte.

Die erste Band, deren Auftritt ich in voller LĂ€nge auf einem Festival zu sehen bekommen habe, war Zyklon. Und es war kein schlechter Einstand: Nachvollziehbarer, aber technisch durchaus interessanter Death Metal mit einem GespĂŒr fĂŒr Melodien und rhythmische PrĂ€gnanz. Parallelen mit den spĂ€ten Werken von Emperor waren unverkennbar, aber auch kaum ĂŒberraschend: Zyklons Gitarrist Samoth ist neben Ihsahn die Hauptfigur dieser herausragenden Band gewesen. Der Auftritt der Norweger war routiniert und fand auch beim Publikum Gefallen. Überrascht war ich von der Akustik vor der BĂŒhne. Der Sound war wesentlich weniger matschig und verzerrt als in den zahlreichen Clubs und Konzerthallen, die ich schon besucht hatte.

Zyklon
Zyklon



Auf den Auftritt von Dismember, den Urgesteinen des schwedischen Death Metals, habe ich danach verzichtet. Stattdessen habe ich mir von Heiko und Wehrmut das ABC des Party-San-Festivals erlĂ€utern lassen. Vor allem die SpeiseplĂ€ne brachten mich zum Erschaudern. Nur mit Widerwillen hatte ich mir Instant-Nudel-Gerichte besorgt. Als Ausgleich hatte ich zwar auch jede Menge Äpfel und Möhren eingepackt, deren unablĂ€ssiger Verzehr stieß aber auf UnverstĂ€ndnis bei Heiko und Wehrmut. Zahlreiche Einladungen zu Apfel-und-Möhren-Partys blieben unbeantwortet. Immerhin fĂŒhlte ich mich so ausreichend gegen Skorbut geschĂŒtzt.

Nach dieser Pause wollten wir uns Carpathian Forest nicht entgehen lassen. Die Band kannte ich bisher nur von den CDs 'Through Chasm, Caves and Titan Woods', 'Strange Old Brew' sowie von der Kompilation zum zehnjĂ€hrigen BandjubilĂ€um, die ich aber nicht gelungen finde. Der Auftritt beim Party-San hat mich aber dennoch gut unterhalten. Thrashiger Black Metal mit jeder Menge Celtic Frost-Referenzen stieß beim Publikum auf Begeisterung. SĂ€nger Nattefrost artikulierte auch in schöner RegelmĂ€ĂŸigkeit das berĂŒhmte 'uhhhh' und unterstrich damit, daß seine Band und Celtic Frost nicht nur die Initialen gemeinsam haben. Überhaupt war sein Einsatz auf der BĂŒhne beachtlich: Mit einer Unzahl an Knochschmuck ausgestattet, sorgten seine sinnfreien Ansagen auf Deutsch ebenso wie das gelegentliche Rumknutschen mit zwei anscheinend minderjĂ€hrigen MĂ€dels fĂŒr Belustigung und AmĂŒsement. Die beiden in Leder gekleideten MĂ€dels beschĂ€ftigten sich im ĂŒbrigen nicht nur mit Nattefrost sondern auch mit sich selbst und dem Bassisten. Die Stimmung war jedenfalls ausgelassen und der NĂ€hrboden fĂŒr den Auftritt von Unleashed perfekt. Interessanter Nebeneffekt: Ich konnte sowohl den Schlagzeuger der leider aufgelösten In the Woods... als auch Tchort, den kreativen Kopf hinter Green Carnation, endlich mal live erleben.

Auch die Headliner des Tages Unleashed haben mich im Anschluß ĂŒberzeugt. Obwohl mir deren Musik vor allem wegen des Gesangs nicht gefĂ€llt, ließ ich mich vom Enthusiasmus der Menge mitreißen. Die Schweden spielten eine schöne Mischung aus neuem Material und alten Hits - lediglich 'Shadows in the Deep' wurde lautstark gefordert, aber nicht gespielt - und brachten großflĂ€chig die Haare zum Kreisen. SĂ€nger Johnny verstand es immer wieder, das Publikum in die Show einzubeziehen und anzustacheln. Ein ums andere Mal forderte er die Massen auf: 'I wanna hear you scream for me', worauf ihm aus Hunderten von Kehlen 'Death Metal Victory' entgegendröhnte. Sehr schön. Ähnlich guten Kontakt zwischen Band und Publikum gab es bei den Zeilen 'Rise / My Armies / With Power / From Hell' aus 'The Immortals'. Unleashed wurde ihrer Rolle als Headliner voll gerecht und setzten einen fantastischen Schlußpunkt fĂŒr den zweiten Tag. Nur Wehrmut jammerte eine zeitlang weil sein Lieblingslied 'I am God' nicht gespielt wurde. Um meinen Ärger darĂŒber zu verdrĂ€ngen, aß ich noch ein paar Möhren und Äpfel.


Samstag, 14. August 2004
Den Vormittag des zweiten Tages verbrachten wir zum grĂ¶ĂŸten Teil auf dem Zeltplatz. Die GesprĂ€chthemen kreisten erwartungsgemĂ€ĂŸ um Musik, Frauen, Körperschmuck und FĂ€kalien. Gegen Mittag fuhren wir dann zum McDonald's nach Weimar. Mehr als einen Milchshake habe ich mir dort aber nicht andrehen lassen. Ohnehin waren wir vornehmlich wegen der Toiletten gekommen. Das einzig geschmackvolle in diesem 'Restaurant' war im ĂŒbrigen die Musik: Zu meiner Überraschung dudelte Dream Theater aus den Lautsprechern; ein schöner Kontrast zum Party-San-Krach. Nach unserer RĂŒckkehr schauten wir uns den Auftritt von Endstille an. Ich hatte schon einiges ĂŒber die Norddeutschen gehört und gelesen, nur gehört hatte ich noch nichts. Geboten wurde Black Metal ohne Schnörkel und mit Hang zu epischer Monotonie. Mir hat's ganz gut gefallen und in nĂ€chster Zeit werde ich wohl einem Album der Band mal eine Chance geben.

Die nĂ€chsten sechs Bands haben wir allesamt ausfallen lassen. Bei The Duskfall bereue ich das ein wenig; die Beschreibungen klangen recht vielsprechend und auch von weitem hörten sich die Schweden ganz passabel an. Erst bei Ensiferium waren Wehrmut und ich wieder vor der BĂŒhne zu finden. Obwohl mich deren Musik eher kalt lĂ€ĂŸt, habe ich mich doch erbarmt und den gesamten Auftritt mitverfolgt. Die eine oder andere schnippische Bemerkungen und Stimmimitation wurden alsbald durch wĂŒste Drohungen von Wehrmut abgewĂŒrgt. Der ließ sich, ebenso wie das Publikum, die Schunkel-Tralala-Party-Musik der Skandinavier gefallen. Danach setzten wir die Tradition der MajestĂ€tsbeleidigung fort und ignorierten den Auftritt von Grave.

Nachstehend sollten als Headliner des zweiten Tages und Abschluß des zehnten Party-San-Open-Airs die Schweden von Dark Funeral spielen. FĂŒr mich war die AnkĂŒndigung ihres Auftritts vermutlich der entscheidende Beweggrund, meine Festivalabstinenz zu beenden. Also erörterten Heiko und ich voller Vorfreude noch einige musiktheoretische Fragen. Wehrmut war indes nicht ganz so enthusiastisch und spielte uns etwas von den Blackseed Boys vor, die 'The Secrets of the Black Arts' in unertrĂ€glich technoider Manier coverten. Aber auch das konnte Heiko und mich nicht beeindrucken und so gingen wir wieder in Richtung BĂŒhne. In den ersten Minuten des Dark Funeral-Konzerts donnerte uns jedoch ein miserabler Sound entgegen. Das Schlagzeug war viel zu laut, die Gitarren ein undurchdringlicher Brei und Caligulas Stimme mit einem nervenden Echoeffekt belegt. Auch wenn der Sound bis zum Schluß nicht gerade herausragend war, besserte sich das glĂŒcklicherweise nach einiger Zeit. Nach einigen Songs erinnerte mich die Show an das kĂŒrzlich veröffentlichte Live-Album. Kein Wunder, die Setlist und selbst einige Ansagen waren identisch mit den Mitschnitten der SĂŒdamerika-Tour. Von der Akustik mal abgesehen, gab es dennoch zwei Unterschiede: Das Publikum war bei weitem nicht so ausgelassen wie in Chile und Co. und Caligula lobte mehr als einmal deutsches Bier und JĂ€germeister. Doch auch wenn die Resonanz nicht ganz so ĂŒppig ausfiel, die AtmosphĂ€re eines Konzerts unter freiem Himmel hat den Auftritt von Dark Funeral zu etwas besonderem gemacht. Songs wie 'The Dawn No More Rises' und 'My Dark Desires' bekommt man nicht alle Tage mit der Wucht des Live-Sounds in einer sternklaren Sommernacht prĂ€sentiert. Eins war dennoch klar: Auch wenn Dark Funeral der unbestrittene Höhepunkt am Samstag waren, die AbrĂ€umer beim zehnten Party-San-Open-Air waren eindeutig die LandsmĂ€nner von Unleashed. Der VollstĂ€ndigkeit halber ging ich zum Schluß mit Wehrmut noch ins Partyzelt, um Manos zu sehen. Nach wenigen Minuten wurde mir das Kasperletheater aber zu viel und ich trat den RĂŒckzug an.


Was lĂ€ĂŸt sich also abschließend allen Festivalverweigerern sagen? FĂ€kalien spielen tatsĂ€chlich eine große Rolle und auch bei der ErnĂ€hrung mĂŒssen Freunde von Naturprodukten einige Abstriche machen. Auf der Habenseite stehen jedoch eine entspannte ZeltplatzatmosphĂ€re, gute Akustik und ordentliche Musik. FĂŒr mich war jedenfalls nicht mein letztes Festival.

*Sternzeichen

Deadleft am 05.06.2005




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